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Joachim Ringelnatz

 

 

Joachim Ringelnatz kam am 7. August 1883 als Hans Bötticher in Wurzen zur Welt. Der Vater war Chefmusterzeichner in der Wurzener Tapetenfirma August Schütz. Vier Jahre später zog Familie Bötticher in die Messe- und Buchstadt Leipzig in die Straße „An der Alten Elster“. Für den kleinen Hans war der Fluss „Alte Elster“ ein beliebter Abenteuerspielplatz.

 

 

Abschied der Seeleute

 

Chor der Seeleute:

 

Wir Fahrensleute

Lieben die See.

Die Seemannsbräute

Gelten für heute,

Sind nur für to-day.

 

Die Mädchen, die weinen,

Sind schwach auf den Beinen.

Was schert uns ihr Weh !

Das Weh, ach das legt sich.

Unsre Heimat bewegt sich

Und trägt uns in See,

Far-away.

 

Chor der Mädchen:

 

Wir, die Bräute

Der Fahrensleute,

Lieben und küssen,

Doch wissen, sie müssen

Zur Seefahrt zurück.

 

Und wenn sie ertrinken,

Dann - wissen wir - winken

Uns andre zum Glück.

 

 

An einem Teiche

 

An einem Teiche

Schlich eine Schleiche,

Eine Blindschleiche sogar.

Da trieb ein Etwas ans Ufer im Wind.

Die Schleiche sah nicht was es war,

Denn sie war blind.

 

Das dunkle Etwas aber war die Kindsleiche

Einer Blindschleiche.  

 

 

An meinen Lehrer

 

Ich war nicht einer deiner guten Jungen.

An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat

Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.

Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.

 

Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens

An meinem Bau geformt und dich gemüht.

Du hast die besten Werte meines Lebens

Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.

 

Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.

Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.

Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue

nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.  

 

 

Arm Kräutchen

 

Ein Sauerampfer auf dem Damm

stand zwischen Bahngeleisen,

machte vor jedem D-Zug stramm,

sah viele Menschen reisen.

 

Und stand verstaubt und schluckte Qualm,

schwindsüchtig und verloren,

ein armes Kraut, ein schwacher Halm,

mit Augen, Herz und Ohren.

 

Sah Züge schwinden, Züge nahen.

Der arme Sauerampfer

sah Eisenbahn um Eisenbahn,

sah niemals einen Dampfer.  

 

 

Aus meiner Kinderzeit

 

Vaterglückchen, Mutterschößchen,

Kinderstübchen, trautes Heim,

Knusperhexlein, Tante Rös'chen

Kuchen schmeckt wie Fliegenleim.

 

Wenn ich in die Stube speie

Lacht mein Bruder wie ein Schwein

Wenn er lacht, haut meine Schwester,

Wenn sie haut, weint Mütterlein.

 

Wenn die weint, muß Vater fluchen.

Wenn er flucht, trinkt Tante Wein

Trinkt sie Wein, schenkt sie mir Kuchen:

Wenn ich Kuchen kriege, muß ich spein.  

 

 

Der Bücherfreund

 

Ob ich Biblio- was bin?

Phile? "Freund von Büchern" meinen Sie?

Na, und ob ich das bin!

Ha! und wie!

 

Mir sind Bücher, was den anderen Leuten

Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,

Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten.

Meine Bücher --- wie beliebt? Wieviel?

 

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.

Bitte, doch mich auszureden lassen.

Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal

Halb imstande ist zu fassen.

 

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben

Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur

Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben ---

Hei ! das gibt den Muskeln die Latur.

 

Oh, ich mußte meine Bücherei,

Wenn ich je verreiste, stets vermissen.

Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,

Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

 

Ja natürlich auch vom künstlerischen

Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken

So nach Gold und Lederton zu mischen,

Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

 

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen

Meine ungeheure Leidenschaft,

Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.

Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

 

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,

Und Sie fragen etwas reichlich frei.

Auch bei andern Menschen als Barbaren

Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

 

Wie ? - ich jemals auch in Büchern lese??

Oh, sie unerhörter Ese---

Nein, pardon! - Doch positus, ich säße

Auf dem Lokus und Sie harrten

Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur

Ja nicht länger auf mich warten.

Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,

Den man abseits ohne Zeit und Uhr

Düngt und erntet dann Literatur.

 

Bücher - Nein, ich bitte Sie inständig:

Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!

Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig

Handsigniert sind, soll man hochverehren.

 

Bücher werden, wenn man will, lebendig.

Über Bücher kann man ganz befehlen.

Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,

Und die Seelen können sich nicht wehren.  

 

 

Der Komiker

 

Ein Komiker von erstem Rang

Ging eine Straße links entlang.

Die Leute sagten rings umher

Hindeutend: Das ist der und der!

Der Komiker fuhr aus der Haut

Nach Haus und würgte seine Braut.

Nicht etwa wie von ungefähr,

Nein ernst, als ob das komisch wär.  

 

 

Segelschiffe

 

Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch

Und über sich Wolken und Sterne.

Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch

mit Herrenblick in die Ferne.

 

Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand

Wie trunkene Schmetterlinge.

Aber sie tragen von Land zu Land

Fürsorglich wertvolle Dinge.

 

Wie das im Wind liegt und sich wiegt,

Tauwebüberspannt durch die Wogen,

Da ist eine Kunst, die friedlich siegt,

Und ihr Fleiß ist nicht verlogen.

 

Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt. -

Natur gewordene Planken

Sind Segelschiffe. - Ihr Anblick erhellt

Und weitet unsre Gedanken. 

 

 

Ich habe dich so lieb

 

Ich habe dich so lieb!

Ich würde dir ohne Bedenken

Eine Kachel aus meinem Ofen

Schenken.

 

Ich habe dir nichts getan.

Nun ist mir traurig zu Mut.

An den Hängen der Eisenbahn

Leuchtet der Ginster so gut.

 

Vorbei - verjährt -

Doch nimmer vergessen.

Ich reise.

Alles, was lange währt,

Ist leise.

 

Die Zeit entstellt

Alle Lebewesen.

Ein Hund bellt.

Er kann nicht lesen.

Er kann nicht schreiben.

Wir können nicht bleiben.

 

Ich lache.

Die Löcher sind die Hauptsache

An einem Sieb.

 

Ich habe dich so lieb. 

 

 

Genau besehn

 

Wenn man das zierlichste Näschen

Von seiner liebsten Braut

Durch ein Vergrößerungsgläschen

Näher beschaut,

Dann zeigen sich haarige Berge,

Daß einem graut.  

 

 

Bumerang

 

War einmal ein Bumerang;

War ein Weniges zu lang.

Bumerang flog ein Stück,

Aber kam nicht mehr zurück.

Publikum - noch stundenlang -

Wartete auf Bumerang.  

 

 

Ansprache

eines Fremden an eine Geschminkte vom dem Wilberforcemonument

 

Guten Abend, schöne Unbekannte!

Es ist nachts halb zehn.

Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn?

Wer ich bin? -Sie meinen, wie ich heiße?

Liebes Kind, ich werde Sie belügen,

Denn ich schenke dir drei Pfund.

Denn ich küsse niemals auf den Mund.

Von uns beiden bin ich der Gescheitre.

Doch du darfst mich um drei weitre

Pfund betrügen.

Glaube mir, liebes Kind:

Wenn man einmal in Sansibar

Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,

Dann merkt man erst, daß man nicht weiß,

wie sonderbar Die Menschen sind.

Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe

Wie bei Peter dem Großen L'honneur.-

Übrigens war ich -(Schenk mir das gelbe

Band!)- in Altona an der Elbe Schaufensterdekorateur.-

Hast du das Tuten gehört?

Das ist Wilson Line.

Wie? Ich sei angetrunken?

O nein, nein! Nein! Ich bin völlig besoffen und hundsgefährlich geistesgestört.

Aber sechs Pfund sind immer ein Risiko wert.

Wie du mißtrauisch neben mir gehst!

Wart nur, ich erzähle dir schnurrige Sachen.

Ich weiß: Du wirst lachen.

Ich weiß: Daß sie dich auch traurig machen.

Obwohl du sie gar nicht verstehst.

Und auch ich - Du wirst mir vertrauen - später in Hose und Hemd.

Mädchen wie du haben mir immer vertraut.

Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.

Wo mir alles rätselvoll ist und fremd,

Da wohnt meine Mutter. -Quatsch!

Ich bitte dich: Sei recht laut!

Ich bin eine alte Kommode.

Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;

Manchmal mit Fußtritten geschlossen.

Der wird kichern, der nach meinem Tode

Mein Geheimfach entdeckt.-

Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

 

Ich bin auch nicht richtig froh.

Ich habe auch kein richtiges Herz.

Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk.

Mein richtiges Herz. Das ist anderwärts,

irgendwo Im Muschelkalk.  

 

 

Die Ameisen

 

In Hamburg lebten zwei Ameisen,

Die wollten nach Australien reisen.

Bei Altona auf der Chaussee,

Da taten ihnen die Beine weh,

Und da verzichteten sie weise

Dann auf den letzten Teil der Reise.  

 

 

Die Kartenlegerin

 

Das Schiff war schon im Hafen leck.

Man besserte an dem Schaden.

Das Schiff hatte Fässer geladen

Und Passagiere im Zwischendeck.

 

Mittags stieg eine Negerin

In das Matrosenlogis.

Sie wäre Kartenlegerin,

Bedeutet sie.

 

"Two shillings" - oder ein Kleidungsstück,

Sie zeigt auf wollene Sachen.

So eine weiss manchmal, wie man sein Glück

Kann machen.

 

Sie reden voreinander dumm,

Gaben der Alten zu saufen,

Drückten ihr lachend am Busen herum

Und liessen sie dann laufen.

 

Nachts hockte die alte, schwarze Kuh

An Deck zwischen Fässern und Tauen.

Vor ihr lag Kuttel Daddeldu

Dienstmüde und dachte an Frauen.

 

Da legte die Kartenlegerin

Die Karten, die ihn betrafen,

An Deck und murmelte vor sich hin.

Kuttel war eingeschlafen.

 

Sie murmelte Worte in den Wind.

Das Schiff fing an zu rollen.

Das Schiff und die Menschen darauf sind

Verschollen.  

 

 

Gedicht in Bi-Sprache

 

Ibich habibebi dibich,

Lobittebi, sobi liebib.

Habist aubich dubi mibich

Liebib? Neibin, vebirgibib.

Nabin obidebir febirn,

Gobitt seibi dibir gubit.

Meibin Hebirz habit gebirn

Abin dibir gebirubiht.  

 

 

Liebesbrief

 

So kann es nun nicht weitergehn!

Das, was besteht, muß bleiben.

Wenn wir uns wieder wiedersehn,

Muß irgendetwas geschehn.

Was wir dann auf die Spitze treiben.

Was - was auf einer Spitze tut?

Gewiß nicht Plattitüden.

Denn was auf einer Spitze ruht,

Wird nicht so leicht ermüden.

Auf einer Bank im Grunewald

Zu zweit im Regen sitzen,

Ist blöd. Mut, Mädchen! Schreibe bald!

Dein Fritz! (Remember Spitzen).  

 

 

Hafenkneipe

 

In der Kneipe 'Zum Südwester'

Sitzt der Bruder mit der Schwester

Hand in Hand.

 

Zwar der Bruder ist kein Bruder,

Doch die Schwester ist ein Luder

Und das braune Mädchen stammt aus Feuerland.

 

In der Kneipe 'Zum Südwester'

Ballt sich manchmal eine Hand,

Knallt ein Möbel an die Wand.

 

Doch in jener selben Schenke

Schäumt um einfache Getränke

Schwer erkämpftes Seemannsglück.

 

Die Matrosen kommen, gehen.

Alles lebt vom Wiedersehen.

Ein gegangener Gast sehnt sich zurück.

 

Durch die Fensterscheibe aber träumt ein Schatten

Derer, die dort einmal

Oder keinmal

Abenteuerliche Freude hatten.  

 

 

Kniebeuge

 

Kniee - beugt!

Wir Menschen sind Narren.

Sterbliche Eltern haben uns einst gezeugt.

Sterbliche Wesen werden uns später verscharren.

Schäbige Götter, wer seid ihr? und Wo?

Warum lasset ihr uns nicht länger so

Menschlich verharren?

Was ist denn Leben?

Ein ewiges Zusichnehmen und Vonsichgeben. -

Schmach euch, ihr Götter, daß ihr so schlecht uns versorgt,

Daß ihr uns Geist und Würde und schöne Gestalt nur borgt.

Eure Schöpfung ist Plunder,

Das Werk sodomitischer Nachtung.

Ich blicke mit tiefster Verachtung

Auf euch hinunter.

Und redet mir nicht länger von Gnade und Milde!

Hier sitze ich; forme Menschen nach meinem Bilde.

Wehe euch, Göttern, wenn ihr uns drüben erweckt!

Beine streckt!  

 

 

 

Morgenwonne

 

Ich bin so knallvergnügt erwacht.

Ich klatsche meine Hüften.

Das Wasser lockt. Die Seife lacht.

Es dürstet mich nach Lüften.

 

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks

Und gratuliert mir zum Baden.

Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs

Betiteln mich "Euer Gnaden".

 

Aus meiner tiefsten Seele zieht

Mit Nasenflügelbeben

Ein ungeheurer Appetit

Nach Frühstück und nach Leben.  

 

 

An M.

 

Der du meine Wege mit mir gehst,

Jede Laune meiner Wimper spürst,

Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst -

Weißt du wohl, wie heiß du oft mich rührst?

 

Wenn ich tot bin darfst du gar nicht trauern.

Meine Liebe wird mich überdauern

 

Und in fremden Kleidern dir begegnen

Und dich segnen.

 

Lebe, lache gut!

Mache deine Sache gut!  

 

 

 

Kindergebetchen

 

Erstes

 

Lieber Gott, ich liege

Im Bett. Ich weiß, ich wiege

Seit gestern fünfunddreißig Pfund.

Halte Pa und Ma gesund.

 

Ich bin ein armes Zwiebelchen,

Nimm mir das nicht übelchen.

 

Zweites

 

Lieber Gott, recht gute Nacht,

Ich hab noch schnell Pipi gemacht,

Damit ich von dir träume.

Ich stelle mir den Himmel vor

Wie hinterm Brandenburger Tor

Die Lindenbäume.

 

Nimm meine Worte freundlich hin,

Weil ich schon so erwachsen bin.

 

Drittes

 

Lieber Gott mit Christussohn,

Ach schenk mir doch ein Grammophon.

Ich bin ein ungezognes Kind,

Weil meine Eltern Säufer sind.

Verzeih mir, daß ich gähne.

Beschütze mich in der Not,

 

Mach meine Eltern noch nicht tot

Und schenk der Oma Zähne.  

 

 

Seepferdchen

 

Als ich noch ein Seepferdchen war,

Im vorigen Leben,

Wie war das wonnig, wunderbar

Unter Wasser zu schweben.

In den träumenden Fluten

Wogte, wie Güte, das Haar

Der zierlichsten aller Seestuten

Die meine Geliebte war.

Wir senkten uns still oder stiegen,

Tanzten harmonisch umeinand,

Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,

Wie Wolken sich in Wolken wiegen.

Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn

Auf dass ich ihr folge, sie hasche,

Und legte mir einmal im Ansichziehn

Eierchen in die Tasche.

Sie blickte traurig und stellte sich froh,

Schnappte nach einem Wasserfloh,

Und ringelte sich

An einem Stengelchen fest und sprach so:

Ich liebe dich!

Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,

Du trägst ein farbloses Panzerkleid

Und hast ein bekümmertes altes Gesicht,

Als wüsstest du um kommendes Leid.

Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnass!

Wann war wohl das?

Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen?

Es ist beinahe so, dass ich weine -

Lollo hat das vertrocknete, kleine

Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen  

 

 

Logik

 

Die Nacht war kalt und sternenklar,

da trieb im Meer bei Norderney

ein Suahelischnurrbarthaar -

die nächste Schiffsuhr wies auf drei.

 

Mir scheint da mancherlei nicht klar:

man fragt doch, wenn man Logik hat,

Was sucht ein Suahelihaar

denn nachts um drei am Kattegatt?  

 

 

Großer Vogel

 

Die Nachtigall ward eingefangen,

Sang nimmer zwischen Käfigstangen.

Man drohte, kitzelte und lockte.

Gall sang nicht. Bis man die Verstockte

In tiefsten Keller ohne Licht

Einsperrte. - Unbelauscht, allein

Dort, ohne Angst vor Widerhall,

Sang sie

Nicht - -,

Starb ganz klein

Als Nachtigall.  

 

 

 

Nie bist du ohne Nebendir

 

Eine Wiese singt.

Dein Ohr klingt.

Eine Telefonstange rauscht.

 

Ob du im Bettchen liegst

Oder über Frankfurt fliegst,

Du bist überall gesehn und belauscht.

 

Gonokokken kieken.

Kleine Morcheln horcheln.

Poren sind nur Ohren.

Alle Bläschen blicken.

 

Was du verschweigst,

Was du andern nicht zeigst,

Was dein Mund spricht

Und deine Hand tut,

Es kommt alles ans Licht.

Sei ohnedies gut.  

 

 

Im Park

 

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum

still und verklärt wie im Traum.

Das war des Nachts elf Uhr zwei.

Und dann kam ich um vier

Morgens wieder vorbei.

 

Und da träumte noch immer das Tier.

Nun schlich ich mich leise - ich atmete kaum -

gegen den Wind an den Baum,

und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.

Und da war es aus Gips.  

 

 

 

Ruf zum Sport

 

Auf ihr steifen und verdorrten

Leute aus Büros,

Reißt euch mal zum Wintersporten

Von den Öfen los.

 

Bleiches Volk an Wirtshaustischen,

Stellt die Gläser fort.

Widme dich dem freien, frischen,

Frohen Wintersport.

 

Denn er führt ins lodenfreie

Gletscherfexlertum

Und bedeckt uns nach der Reihe

All mit Schnee und Ruhm.

 

Doch nicht nur der Sport im Winter,

Jeder Sport ist plus,

Und mit etwas Geist dahinter

Wird er zum Genuß.

 

Sport macht Schwache selbstbewußter,

Dicke dünn, und macht

Dünne hinterher robuster,

Gleichsam über Nacht.

 

Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine,

Kürzt die öde Zeit,

Und er schützt uns durch Vereine

Vor der Einsamkeit,

 

Nimmt den Lungen die verbrauchte

Luft, gibt Appetit;

Was uns wieder ins verrauchte

Treue Wirtshaus zieht.

 

Wo man dann die sporttrainierten

Muskeln trotzig hebt

Und fortan in illustrierten

Blättern weiterlebt.  

 

 

 

Silvester

 

Daß bald das neue Jahr beginnt,

Spür ich nicht im geringsten.

Ich merke nur: Die Zeit verrinnt

Genauso wie zu Pfingsten,

 

Genau wie jährlich tausendmal.

Doch Volk will Griff und Daten.

Ich höre Rührung, Suff, Skandal,

Ich speise Hasenbraten.

 

Mit Cumberland, und vis-à-vis

Sitzt von den Krankenschwestern

Die sinnlichste. Ich kenne sie

Gut, wenn auch erst seit gestern.

 

Champagner drängt, lügt und spricht wahr.

Prosit, barmherzige Schwester!

Auf! In mein Bett! Und prost Neujahr!

Rasch! Prosit! Prost Silvester!

 

Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt

In heimlichen Geweben.

Wenn heute nacht ein Jahr beginnt,

Beginnt ein neues Leben.  

 

 

 

Nachtschwärmen

 

Die alte Pappel schauert sich neigend,

Als habe das Leben sie müde gemacht.

Ich und mein Lieb – hier ruhen wir schweigend –

Und vor uns wallt die drückende Nacht.

Bis sich zwei schöne Gedanken begegnen, –

Dann löst sich der bleierne Wolkenhang.

Goldene, sprühende Funken regnen

Und füllen die Welt mit lustigem Klang.

Ein trüber Nebel ist uns zerronnen.

Ich lege meine in deine Hand.

Mir ist, als hätt ich dich neu gewonnen. –

Und vor uns schimmert ein goldenes Land.  

 

 

Übergewicht

 

Es stand nach einem Schiffsuntergange

Eine Briefwaage auf dem Meeresgrund.

Ein Walfisch betrachtete sie bange,

Beroch sie dann lange,

Hielt sie für ungesund,

Ließ alle Achtung und Luft aus dem Leibe,

Senkte sich auf die Wiegescheibe

Und sah - nach unten schielend - verwundert:

Die Waage zeigte über Hundert.  

 

 

Nach dem Gewitter

 

Der Blitz hat mich getroffen.

Mein stählerner, linker Manschettenknopf

ist weggeschmolzen, und in meinem Kopf

summt es, als wäre ich besoffen.

 

Der Doktor Berninger äußerte sich

darüber sehr ungezogen:

Das mit dem Summen wär' typisch für mich,

das mit Blitz wär' erlogen.  

 

Ein Nagel saß in einem Stück Holz

 

Ein Nagel saß in einem Stück Holz.

Der war auf seine Gattin sehr stolz.

Die trug eine goldene Haube

Und war eine Messingschraube.

 

Sie war etwas locker und etwas verschraubt,

Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.

Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm

In einem Astloch. Sie wurden intim.

 

Kurz, eines Tages entfernten sie sich

Und ließen den armen Nagel im Stich.

Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.

Noch niemals hatte sein eisernes Herz

So bittere Leiden gekostet.

 

Bald war er beinah verrostet.

Da aber kehrte sein früheres Glück,

Die alte Schraube, wieder zurück.

Sie glänzte übers ganze Gesicht.

Ja, alte Liebe, die rostet nicht!  

 

 

 

Die Schnupftabaksdose

 

Es war eine Schnupftabaksdose

Die hatte Friedrich der Große

Sich selbst geschnitzelt aus Nußbaumholz.

Und darauf war sie natürlich stolz.

 

Da kam ein Holzwurm gekrochen.

Der hatte Nußbaum gerochen

Die Dose erzählte ihm lang und breit.

Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.

 

Sie nannte den alten Fritz generös.

Da aber wurde der Holzwurm nervös

Und sagte, indem er zu bohren begann

"Was geht mich Friedrich der Große an!"  

 

 

 

Ein männlicher Briefmark erlebte

 

Ein männlicher Briefmark erlebte

Was Schönes, bevor er klebte.

Er war von einer Prinzessin beleckt.

Da war die Liebe in ihm erweckt.

 

Er wollte sie wiederküssen,

Da hat er verreisen müssen.

So liebte er sie vergebens.

Das ist die Tragik des Lebens!  

 

 

Bist du schon auf der Sonne gewesen?

 

Bist du schon auf der Sonne gewesen?

Nein? - Dann brich dir aus einem Besen

Ein kleines Stück Spazierstock heraus

Und schleiche dich heimlich aus dem Haus

Und wandere langsam in aller Ruh

Immer direkt auf die Sonne zu.

 

So lange, bis es ganz dunkel geworden.

Dann öffne leise dein Taschenmesser,

Damit dich keine Mörder ermorden.

Und wenn du die Sonne nicht mehr erreichst,

Dann ist es fürs erstemal schon besser,

Daß du dich wieder nach Hause schleichst.  

 

 

Die neuen Fernen

 

In der Stratosphäre,

Links vom Eingang, führt ein Gang

(Wenn er nicht verschüttet wäre)

Sieben Kilometer lang

Bis ins Ungefähre.

 

Dort erkennt man weit und breit

Nichts. Denn dort herrscht Dunkelheit.

Wenn man da die Augen schließt

Und sich langsam selbst erschießt,

 

Dann erinnert man sich gern

An den deutschen Abendstern.  

 

 

Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

 

Die Springburn hatte festgemacht

Am Peterskai.

Kuttel Daddeldu jumpte an Land,

Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht

Und am Zollwächter vorbei.

Er schwenkte einen Bananensack in der Hand.

Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten.

Wenn er es wagte, ihn anzuhalten.

Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden.

Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden.

Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere,

denn sie stammte aus Bayern.

Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre,

Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.

Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakeeler,

Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich: "Hallo old sailer!"

Daddeldu liebte solch freie, herzhafte Reden,

Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden.

Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri

Und sagte: "Da nimm, du Affe!"

Daddeldu sagte nie "Sie".

Er hatte auch Wanzen und eine Masse

Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.

Aber nun sangen die Gäste "Stille Nacht, Heilige Nacht".

Und da schenkte er jeden Gast eine Tasse

Und behielt für die Braut nur noch drei.

Aber als er sich später mal drauf setzte,

Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,

Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte.

Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold

Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.

Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.

Und das Mädchen steckte ihm Christkonfekt

Still in die Taschen und lächelte hold.

Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.

Daddeldu dachte an die wartende Braut.

Aber es hatte nicht sein gesollt,

Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.

Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,

Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.

Und das war alles wie Traum.

Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.

Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete,

Kam eine Marmorplatte geschwirrt,

Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt.

Und die See ging hoch und der Wind wehte.

Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase

(Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.

Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie:

"Sie Daddel Sie!"

Und links und rechts schwirrten die Kolibri.

Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen.

Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.

Draußen stand Daddeldu

Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.

Da trat aus der Tür seine Braut

Und weinte laut:

Warum er so spät aus Honolulu käme?

Ob er sich gar nicht mehr schäme?

Und klappte die Tür wieder zu

An der Tür stand: "Für Damen".

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen,

Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.  

 

 

Vom Seemann Kuttel Daddeldu

 

Eine Bark lief ein in Le Haver,

Von Sidnee kommend, nachts elf Uhr drei.

Es roch nach Himbeeressig am Kai,

Und nach Hundekadaver.

Kuttel Daddeldu ging an Land.

Die Rü Albani war ihm bekannt.

Er kannte nahezu alle Hafenplätze.

Weil vor dem ersten Hause ein Mädchen stand,

Holte er sich im ersten Haus von dem Mädchen die Krätze.

Weil er das aber natürlich nicht gleich empfand,

 

Ging er weiter - kreuzte topplastig auf wilder Fahrt.

Achtzehn Monate Heuer hatte er sich zusammengespart.

In Nr. 6 traktierte er Eiwie und Kätchen,

In 8 besoff ihn ein neues, straff lederbusiges Weib.

Nebenan bei Pierre sind allein sieben gediegene Mädchen

Ohne die mit dem Zelluloid-Unterleib.

Daddeldu, the old Seelerbeu Kuttel,

Verschenkte den Albatrosknochen,

Das Haifischrückgrat, die Schals,

Den Elefanten und die Saragossabuttel.

Das hatte er eigentlich alles der Mary versprochen,

Der anderen Mary; das war seine feste Braut.

Daddeldu - Hallo! Daddeldu,

Daddeldu wurde fröhlich und laut.

Er wollte mit höchster Verzerrung seines Gesichts

Partu einen Niggersong singen

Und "Blu beus blu".

Aber es entrang sich ihm nichts.

Daddeldu war nicht auf die Wache zu bringen.

Daddeldu Duddel Kuttelmuttel, Katteldu

erwachte erstaunt und singend morgens um vier

Zwischen Nasenbluten und Pomm de Schwall auf der Pier.

Daddeldu bedrohte zwecks Vorschuß den Steuermann.

Schwitzte den Spiritus aus. Und wusch sich dann.

Daddeldu ging nachmittags wieder an Land,

Wo er ein Renntiergeweih, eine Schlangenhaut,

Zwei Fächerpalmen und Eskimoschuhe erstand.

Das brachte er aus Australien seiner Braut.  

 

 

 

Abendgebet einer erkälteten Negerin

 

Ich suche Sternengefunkel.

Sonne brennt mich dunkel.

Sonne drohet mit Stich.

Warum brennt mich die Sonne im Zorn?

Warum brennt sie gerade mich?

Warum nicht Korn?

 

Ich folge weißen Mannes Spur.

Der Mann war weiß und roch so gut.

Mir ist in meiner Muschelschnur

So neglige zu Mut.

 

Kam in mein Wigwam

Weit über das Meer,

Seit er zurückschwamm,

Das Wigwam

Blieb leer.

 

Drüben am Walde

Kängt ein Guruh - -

Warte nur balde

Kängurst auch du.  

 

 

 

Heimatlose

 

Ich bin fast

Gestorben vor Schreck:

In dem Haus, wo ich zu Gast

War, im Versteck,

Bewegte sich,

Regte sich

Plötzlich hinter einem Brett

In einem Kasten neben dem Klosett,

Ohne Beinchen,

Stumm, fremd und nett

Ein Meerschweinchen.

Sah mich bange an,

Sah mich lange an,

Sann wohl hin und sann her,

Wagte sich

Dann heran

Und fragte mich:

"Wo ist das Meer?"  

 

 

 

Lampe und Spiegel

 

"Sie faule, verbummelte Schlampe!"

sagte der Spiegel zur Lampe.

"Sie altes, schmieriges Scherbenstück!"

gab die Lampe dem Spiegel zurück.

 

Der Spiegel in seiner Erbitterung

bekam einen ganz gewaltigen Sprung.

Der zornigen Lampe verging die Puste:

Sie fauchte, rauchte, schwelte und ruste.

 

Das Stubenmädchen ließ beide in Ruhe

und doch - man schob ihr die Schuld in die Schuhe.  

 

 

Ohrwurm und Taube

 

Der Ohrwurm mochte die Taube nicht leiden.

Sie haßte den Ohrwurm ebenso.

Da trafen sich eines Tages die beiden

in einer Straßenbahn irgendwo.

 

Sie schüttelten sich erfreut die Hände

und lächelten liebenswürdig dabei

und sagten einander ganze Bände

von übertriebener Schmeichelei.

 

Doch beide wünschten sie sich im stillen,

der andre möge zum Teufel gehn,

und da es geschah nach ihrem Willen,

so gab es beim Teufel ein Wiedersehn.  

 

 

 

Wie mag er aussehen?

 

Wer hat zum Steuerbogenformular

den Text erfunden?

Ob der in jenen Stunden,

da er dies Wunderwirr gebar,

wohl ganz --- oder total --- war?

 

Du liest den Text. Du sinnst. Du spinnst.

Du grinst - "Welch Rinds" - Und du beginnst

wieder und wieder. Eisigkalt

kommt die Vision dir "Heilanstalt".

 

Für ihn? Für dich? - Dein Witz erblaßt.

Der Mann, der jenen Text verfaßt,

was mag er dünkeln oder wähnen?

Ahnt er denn nichts von Zeitverlust und Tränen?

 

Wir kommen nicht auf seine Spur.

Und er muß wohl so sein und bleiben.

Auf seinen Grabstein sollte man nur

den Text vom Steuerbogen schreiben.  

 

 

 

Am Barren

 

Deutsche Frau, dich ruft der Barrn,

Denn dies trauliche Geländer

Fördert nicht nur Hirn und Harn,

Sondern auch die Muskelbänder,

Unterleib und Oberlippe.

Sollst, das Hüftgelenk zu stählen,

Dich im Knickstütz ihm vermählen.

Deutsches Weib, komm: Kippe, kippe!

 

Deutsche Frau, nun laß dich wieder

Ellengriffs im Schwimmhang nieder.

So, nun Hackenschluß! Und schwinge!

Schwinge! Hurtig um den Leib!

Oh, es gibt noch wundervolle

Dinge. Rolle rückwärts! Rolle!

Rolle rückwärts, deutsches Weib!

 

Deutsche Jungfrau, weg das Armband!

In die Hose! Aus dem Rocke!

Aus dem Streckstütz in den Armstand,

Nur die Flanke. Sehr gut! Danke!

Deutsches Mädchen- Hocke, Hocke!

 

Mußt dich keck emanzipieren

Und mit kindlichem "Ätsch-Ätsche"

Über Männer triumphieren,

Mußt wie Bombe und Kartätsche

Deine Kräfte demonstrieren.

Deutsches Mädchen- Grätsche! Grätsche!  

 

 

 

Was die Irre sprach

 

Wir armen Schizophrenen!

Wir sind nur ein Begriff.

Wir lassen uns endlos dehnen.

Aber es war ein englisches Schiff.

 

Ich weiß, Sie möchten was fragen;

Seien Sie ruhig ganz streng zu mir.

Sie sind nur glücklich, und ein Tier -

Muß man treten und schlagen.

 

Die Blicke sind selbstverständlich

Bei Kapitänen Befehle.

Ich habe auch Eure Seele,

Aber - die Schwester lügt. Sie lügt schändlich.

 

Vielleicht ist Hingeben Schande.

Kein Tier weiß, was es redlich tut.

So wahr er tausend Meter vom Lande -

Amen - im Wasser ruht.

 

Nein danke! Ich bin nicht müde.

Oder spreche ich Ihnen zu viel? -

Die Quintessenz der Güte

Liegt schließlich nicht im Peitschenstiel.

Er hebt oder senkt die Blüte. -

Nun aber genug im grausamen Spiel.

Sie haben doch recht! Ich bin müde.

 

Living or dead - Mir riecht sich das gleich.

Aber wären sie englisch ersoffen,

Sie kämen vielleicht auch ins Himmelreich. -

Amen. - Wir wollen es hoffen. -

Jetzt ist er zum ersten Male weich.

 

Sehen Sie nur: Wie der Oberarzt schaut?

Er soll viel strenger zu mir sein.

Ich bin doch allein. Weil ich ein Schwein

Bin. Ich bin eine Seemalmsbraut

Tausend Meter vom Lande. -

Die Schwester hält das für Schande.

 

Ihr schmutziges Volk! Euer Captain ist fort. -

Nie wieder die Stiefel lecken muß.

Ja, führt mich hinaus! Wir treffen uns dort. -

Wo Anfang ist, da ist auch ein Schluß.

Weil Ihr uns um unser freieres Sehnen

Beneidet. - Hier fragt sich: Wer führt das Wort?

Ihr armen Schizophrenen.  

 

 

 

"Oh", rief ein Glas Burgunder

 

"Oh", rief ein Glas Burgunder,

"Oh Mond, du göttliches Wunder!

Du gießt aus silberner Schale

Das liebestaumelnde, fahle,

Trunkene Licht wie sengende Glut

Hin über das nachtigallene Land --"

 

Da rief der Mond, indem er verschwand:

"Ich weiß, ich weiß! Schon gut! Schon gut!"  

 

 

 

Sich interessant machen

(für einen großen Backfisch)

 

Du kannst doch schweigen? Du bist doch kein Kind

Mehr! - Die Lederbände im Bücherspind

Haben, wenn du die umgeschlagenen Deckel hältst,

Hinten eine kleine Höhlung im Rücken.

Dort hinein mußt du weichen Käse drücken.

Außerdem kannst du Käsepfropfen

Tief zwischen die Sofapolster stopfen:

 

Lasse ruhig eine Woche verstreichen.

Dann mußt du immer traurig herumschleichen.

Bis die Eltern nach der Ursache fragen.

Dann tu erst, als wolltest du ausweichen,

Und zuletzt mußt du so stammeln und sagen:

"Ich weiß nicht, - ich rieche überall Leichen - ."

 

Deine Eltern werden furchtbar erschrecken

Und überall rumschnüffeln nach Leichengestank,

Und dich mit Schokolade ins Bett stecken.

Und zum Arzt sage dann: "Ich bin seelenkrank."

 

Nur laß dich ja nicht zum Lachen verleiten.

Deine Eltern - wie die Eltern so sind -

Werden bald überall verbreiten:

Du wärst so ein merkwürdiges, interessantes Kind.  

 

 

 

Schenken

 

Schenke groß oder klein,

Aber immer gediegen.

Wenn die Bedachten

Die Gaben wiegen,

Sei dein Gewissen rein.

 

Schenke herzlich und frei.

Schenke dabei

Was in dir wohnt

An Meinung, Geschmack und Humor,

sodaß die eigene Freude zuvor

Dich reichlich belohnt.

 

Schenke mit Geist ohne List.

Sei eingedenk,

Daß dein Geschenk

Du selber bist.  

 

 

 

Überall

 

Überall ist Wunderland

Überall ist Leben

Bei meiner Tante im Strumpfenband

wie irgendwo daneben.

Überall ist Dunkelheit

Kinder werden Väter.

Fünf Minuten später

stirbt sich was für einige Zeit.

Überall ist Ewigkeit.

 

Wenn Du einen Schneck behauchst

Schrumpft er ins Gehäuse,

Wenn Du ihn in Kognak tauchst,

Sieht er weiße Mäuse.  

 

 

 

Stammbuchvers

 

So an ein Stammbuch hingezerrt

hat man Verdruß.

Man fühlt sich aufs Klosett gesperrt

Obwohl man garnicht muß.

 

Denn mancher Gast will weitergehn

Und will nichts stehen lassen

Und seine Klexe ungesehen

Nur werfen, wo sie passen.  

 

 

 

Vorbei ist das Fasten

 

Kameraden, vorbei ist das Fasten,

Ich sehe den Leuchtturm durchs Glas.

Schon flattern um unsere Masten

Die Möwen. Im Wasser schwimmt Gras.

 

Schon steigen die Türme vom Hafen

Wie Kräuterkäse grün aus dem Grau.

Old sailorboys, heute nacht schlafen

Wir alle an Land bei der Frau.

 

Vielleicht tanzen wir heute

Und saufen soviel uns behagt.

Wir haben als Fahrensleute

Solang dem Vergnügen entsagt.  

 

 

 

Zu einem Geschenk

 

Ich wollte Dir was dedizieren

Nein, schenken; was nicht zuviel kostet,

Aber was aus Blech ist, rostet

Und die Messinggegenstände oxydieren.

Und was kosten soll es eben doch.

Denn aus Mühe mach ich extra noch

Was auch hinzu, auch kleine Witze.

Wär' bei dem, was ich besitze,

Etwas Altertümliches dabei

Doch was nützt Dir meine Lanzenspitze!

An dem Bierkrug sind die beiden

Löwenköpfe schon entzwei

Und den Buddha mag ich selber leiden.

Und du sammelst keine Schmetterlinge

Die mein Freund aus China mitgebracht.

Nein das Sofa und so große Dinge

Kommen überhaupt nicht in Betracht.

Außerdem gehören sie nicht mir.

Ach, ich hab' die ganze letzte Nacht

Rumgegrübelt, was ich Dir

Geben könnte. Schlief deshalb nur eine

Allerhöchstens zwei von sieben Stunden,

Und zum Schluß hab' ich doch nur dies kleine

Lumpige beschißne Ding gefunden.

Aber gern hab ich für dich gewacht.

Was ich nicht vermochte, tu du's: Drücke du

Nun ein Auge zu.

Und bedenke

Daß ich Dir fünf Stunden Wache schenke.

Laß mich auch in Zukunft nicht in Ruh.  

 

 

 

Das Schlüsselloch

 

Das Schlüsselloch, das im Haupttor saß,

Erlaubte sich nachts einen Spaß.

Es nahten Studenten

Mit Schlüsseln in Händen.

Da dachte das listige Schlüsselloch:

Ich will mich verstecken,

Um sie zu necken!

Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch.

Alsbald nun tasteten die Studenten

Suchend,

Fluchend;

Mit Händen

An Wänden.

Und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter.

Schlüsselloch lachte heiter.

 

(Die Herren erreichten ihr Zimmer nimmer.

Eigentlich war die Sache noch schlimmer.

Ich selbst war nämlich bei den Studenten -

Doch lassen wir es dabei bewenden.)  

 

 

 

Der Glückwunsch

 

Ein Glückwunsch ging ins neue Jahr,

Ins Heute aus dem Gestern.

Man hörte ihn sylvestern.

Er war sich aber selbst nicht klar,

Wie eigentlich sein Hergang war

Und ob ihn die Vergangenheit

Bewegte oder neue Zeit.

Doch brachte er sich dar, und zwar

Undeutlich und verlegen.

 

Weil man ihn nicht so ganz verstand,

So drückte man sich froh die Hand

Und nahm ihn gern entgegen.  

 

 

 

Der letzte Weg

 

"Ich gehe ins Wasser," sagte sie leis,

"Ade!"

Du hast es gut mit mir gemeint.

So weiß ich einen, der um mich weint.

Hab Dank!"

Ich aber sah ihr tiefes Weh

Und küsste sie, die arm und krank,

Und sagte: "Geh!"  

 

 

 

Der sächsische Dialekt

 

Wenn man den sächsischen Dialekt

Ein bisschen dehnt und ein bisschen streckt

Und spricht ihn noch ein bisschen traniger;

Dann hält ein jeder für einen Spanier!  

 

 

 

Die Frau mit der Reiherfeder

 

Ich weiß nicht genau,

Warum ich so oft an die bleiche Frau

Mit der weißen Reiherfeder denke,

Mich immer in den Gedanken versenke:

Wie könnte es werden, wie würde es sein,

Wäre sie dein. - -

Ich weiß es nicht und frage vergebens.

Sie ist auf dem bunten Wege des Lebens

Irgendwo still an mir vorüber gegangen,

Die schöne Frau mit den bleichen Wangen.

Sie hat mich mit kalten Blicken gemessen;

Wir haben kein einziges Wort getauscht,

Doch sie hat mich mit fremdem Zauber berauscht,

Dass ich sie nimmer werde vergessen.

Etwas wie sehnende, nagende Glut

Will mir das pochende Herz zerreißen;

Denk ich der bleichen Frau mit der weißen,

Wehenden Reiherfeder am Hut.  

 

 

 

Ein Pflasterstein, der war einmal

 

Ein Pflasterstein, der war einmal

Und wurde viel beschritten.

Er schrie: "Ich bin ein Mineral

Und muss mir ein für allemal

Dergleichen streng verbitten!"

 

Jedoch den Menschen fiel's nicht ein,

Mit ihm sich zu befassen,

Denn Pflasterstein bleibt Pflasterstein

Und muss sich treten lassen.  

 

Ein Taschenkrebs und ein Känguruh

 

Ein Taschenkrebs und ein Känguruh,

Die wollten sich ehelichen.

Das Standesamt gab es nicht zu,

Weil beide einander nicht glichen.

 

Da riefen sie zornig: "Verflucht und verdammt

Sei dieser Bürokratismus!"

Und hingen sich auf vor dem Standesamt

An einem Türmechanismus  

 

Es war ein Brikett, ein großes Genie

 

Es war ein Brikett, ein großes Genie,

Das Philosophie studierte

Und später selbst an der Akademie

Im gleichen Fache dozierte.

 

Es sprach zur versammelten Briketterie:

"Verehrliches Auditorium,

Das Leben - das Leben - beachten Sie -

Ist nichts als ein Provisorium."

 

Da wurde als ketzerisch gleich verbannt

Der Satz mit dem Provisorium.

Das arme Brikett, das wurde verbrannt

In einem Privatkrematorium.  

 

 

 

 

Es war ein Stahlknopf irgendwo

 

Es war ein Stahlknopf irgendwo,

Der ohne Grund sein Knopfloch floh.

(Vulgär gesprochen: Es stand offen.)

Ihm saß ein Fräulein vis-à-vis.

Das lachte plötzlich: Hi hi hi.

Da fühlte sich der Knopf getroffen

Und drehte stumm

Sich um.

 

Solch Peinlichkeiten sind halt nur

Die schlimmen Folgen der Natur.